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yvonne erber - 22. Nov, 16:32

1.weil wir unendlich sind

wer ist wir, wer ist unendlich?
ich muss sie enttäuschen – wir, das sind einfach: wir bloggerinnen, wir leserinnen, wir gefühlsüberschwänglichen gedankenhabenden weibswesen usw.

2.mein gott, gäbe es doch einen ort auf dieser welt...
drei grundfragen: mein, gott, ort auf dieser welt.
gott – darüber gibt’s nichts zu berichten.
mein – ja, und den, über dens nichts zu berichten gibt, auch noch besitzen, be-sitzen, wie einen stein, ein stück holz, eine brille, männerschenkel, einen ganzen mann?
auf dieser welt - wo sonst?

3.keine zeit.
welche: die subjektive, ihre ureigene, oder die objektive, die gar keine zeit ist?
wir leben jetzt, also in der momentanen gegenwart.
wenn sie das lesen, ist das nicht mehr meine momentane zeit.
ich kann jetzt ihre künftige lesezeit nur bedingt voraussehen.
gleichzeitigkeit – indem sie jetzt mitlesen würden – entsteht so nicht.
gestern gehört bereits ins reich der fakten, die sich nicht mehr ändern lassen, für sie und für mich.
morgen ist für uns beide das reich der möglichkeiten.
jetzt können wir nicht stoppen, ausser wir bringen uns in diesem moment um.
so bewegen wir uns entlang der zeitachse fort, sie und ich an verschiedenen orten.

4. flüstersprache.
ich höre nichts, niemand flüstert hier.
der lüfter wird automatisch ausgeblendet.
wenn ich hinhöre, stört mich das geräusch.
ihr flüstern wäre auch ein geräusch, kein ton.
es kommt von der luft, die sich an ihren stimmlippen reibt.
ich hab das jetzt ihnen zuliebe selbst ausprobiert.
mein geflüsterter satz war übrigens: kohlenmonoxidküsse bevor wir ausbrennen.
das lässt gut wiederholen, das prägt sich ein.
hat sich der sinn dadurch geändert, dass ich geflüstert habe?

5.endorphine.
wie sie ja wissen, wird das endomorphinesystem nicht nur in notfallsituationen aktiviert, sondern auch in schönen.
solche scheinen ihnen in istanbul passiert zu sein.
warum sind es dann gifte, warum betrinken sie sich mit diesen vermeintlichen giften in einer glücklichen stunde?
realistisch gesehen, können sie deren ausschüttung nicht verhindern.
somit lässt sich ihr glück glücklicherweise nicht vergiften!

6. umgedrehte acht.
das unendlichkeitszeichen aus der hand des lovers!
aber vielleicht meinte er nur: 8 tage, 88 stunden, 888 sekunden usw.
also die beschränktheit der zeit, die der liebe gegönnt ist.
im ernst – die liegende acht ist nicht nur das symbol für unendlichkeit, sondern auch eine geometrisch definierte lemniskatenkurve.
sollte er – als mathematikstudent – ihnen dazu genaueres erklärt haben?

7.istanbul.
vor mir taucht folgendes bild auf: ich stehe oben auf dem galata kulesi in beyoğlu.
er ist sicher höher als 50 meter hoch und dominiert so das nördliche ufer des goldenen horns.
vielleicht sind sie auch da oben gestanden, um einen guten ausblick auf das zentrum zu haben.
so haben sie auch die vielen autos gesehen, die sich durch die engen strassen quälen.
die vielen zerfallenen dächer, die vielen nie fertig gebauten häuser.
moscheen, kirchen, bürohäuser und hotels, alle auf engstem raum zusammengedrängt.
oder sie waren, wie ich, in einer schön eingerichteten dachwohnung mit blumenbalkon.
und auf dem flachdach ältere frauen, die schmutzige teppiche schrubbten, während drinnen jugendliche zigaretten rauchten.
dann sind sie sicher auch über die galata köprüsü gegangen, die beyoğlu mit fatih verbindet.
und sie blieben auch am blaulackierten brückengeländer bei den anglern stehen, die von dort aus versuchten, fische zu fangen, während sich hinter ihnen autos, busse und taxis durch dieses achtspurige nadelöhr zwängten.
es bedurfte nur weniger schritte, und sie waren im untergeschoss der brücke.
haben sie sich in einem der cafés platz genommen?
haben sie zum leanderturm und bosporus geschaut oder zur atatürkbrücke?

8.porträt.
er hat goldene locken.
er lächelt traurig.
er hat kalte finger.
er bewirkt mit seinen küssen einen totenähnlichen zustand.
er hinterlässt dabei speichelfäden.
er will gefunden werden.
er kleckert beim essen im mondlicht.
er erzeugt gänsehaut und flecken der sehnsucht.

9.wir stehen ausserhalb der zeit.
erscheint es ihnen nicht auch so, als würde die zeit von der zukunft in die vergangenheit fliessen?
wir sind ja fest verklammert auf der gegenwartsebene, die sich auf der zeitachse unabänderlich in richtung zukunft bewegt.
der wind der veränderung bläst also nicht ins gesicht der zeit.
der wind der zeit bläst ins gesicht der gegenwart.
schauen wir zurück in die vergangenheit, erscheint uns das so, als würden von hinten dorthin getrieben.
sie stellen sich selbst vielleicht als ein lebenwesen vor, das völlig mit der gegenwart verkoppelt ist.
so könnten sie alle veränderungen gleichzeitig wahrnehmen, alle objekte in allen ihren zuständen, also zeitlos.

liebe grüsse

MARIA SPILUTTINI

allyklein - 1. Dec, 14:33

1. ich für meinen teil schätze, dass mit "wir" die beiden protagonisten - "ich" und "er" - gemeint sind, aber sie können es auch natürlich auf sich beziehen.

2. meiner meinung nach, unabhängig von dem text, ist "mein gott" einfach eine floskel (wie "halt" etc.), die als satzfüller und/oder emotionsverstärker dienen kann. und sie kann auch den satzrhythmus dadurch bestimmen.

4. ich finde, flüstern macht eine situation manchmal sehr intim. keine ahnung. hier geht es ja um flüstersprache zwischen zwei menschen, schätze ich. könnte also eventuell als verstärkung/betonung benutzt worden sein.

5. "solche scheinen ihnen in istanbul passiert zu sein."
das habe ich nie behauptet. sehen sie den text doch als aus der sicht eines artikulierten ichs. unabhängig von mir als person. ich beurteile ihn auch nur als leser und alles, was ich ihnen bis jetzt geschrieben habe, drückt meine leserhaltung aus. so wie ich den text ungefähr sehe. ihre "interpretation" oder sichtweise kann vollkommen von meiner abdriften, was absolut okay ist, finde ich. oder?

6. ich finde es sehr witzig, dass sie herausgelesen haben, dass der beschriebene mann erstens, ein student ist und zweitens, mathematik sein gebiet ist. sehen sie, das ist das, was ich im punkt 5 gemeint habe. die sache der fantasie, die sache der eigeninterpretation.

ich finde es sehr beeindruckend, dass sie sich zeit nehmen, sich mit fremden texten so konkret auseinanderzusetzen. sehr interessante sichtweisen vertreten sie auch, auch wenn sie von meinen persönlichen (wie gesagt als leser) teilweise sehr abweichen. ich danke ihnen für die vielen anregungen.
nora spi (guest) - 18. Feb, 02:13

spilu oder erber

ich bitte um aufklärung, bist du familien-mitglied oder -bewunderer?
liebe grüße
*durchgestrichen* nora spiluttini



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