palliativstation: bürokratie
meine busfahrerin ist eine verdammte sadistin. ein mensch, der um elf den bus parkt und ihn zuschließt ohne die wartende menge zu beachten. sie fünfunddreißig minuten (alles nach plan) in der kälte bei diesen kleinen pissregentröpfchen, die einem wie tausend winzige glassplitter in das gesicht einstechen, stehen lässt, um es sich schön warm in diesem straßenverkehrsangestelltenhäuschen zu machen und heißen kaffee zu süffeln.
verstehen sie mich nicht falsch, hier soll's um bürokratie gehen. gleich, warten sie nur einen moment.
vielleicht lese ich zur zeit zu viel bukowski, aber ich habe die humanität und diese verfluchte nächstenliebe verloren. propagandiert es nicht der dezember? ich will ja niemanden sein weihnachten verderben, aber hier kommt die realität.
ich in einem riesengroßen krankenhaus. mit meiner schwerkranken großmutter. stehe in der schlange. sie sagt, sie erblindet. liegt natürlich an dem ball in ihrem gehirn, der ihr alle menschliche qualitäten abgewinnt. auch ihre sehkraft. aber sie bestand darauf. also gehe ich zu dieser frau am empfang, als ich an der reihe bin. ich reiche ihr die krankenkassenkarte und eine überweisung vom hausarzt. sie glotzt dumm drauf und sagt:
"nein, das geht nicht. ich brauche eine überweisung vom augenarzt."
"ich habe hier gestern angerufen und mir wurde gesagt, ich brauche eine überweisung. mehr nicht. ich habe eine geholt. jetzt will ich, dass sie meine oma drannehmen, mehr nicht."
"nein, ich brauche eine überweisung vom augenarzt. der muss mir schreiben, warum sie da ist."
"das kann ich ihnen auch sagen."
"nein... bla bla bla."
geht weiter, es steigert sich.
"meine oma ist schwer krank, verstehen sie? sie hat ein gehirntumor, sie können sie jawoll drannehmen! was soll das?"
"ich habe diese vorschriften nicht ausgedacht, das war der chefarzt hier."
das sagt sie mir hochnäsig, als ich schon auf 100 bin.
"diese scheissbürokraten!" schrei ich und knall die tür mit meiner ganzen kraft zu.
und sie ruft mir noch hinterher: "ja. ich kann nichts dafür." sie ruft nicht, das ist falsch, sie bleibt ruhig und schaut am ende einfach in irgendeinen ordner, der vor ihr liegt, und schüttelt den kopf.
sie ist ein echter rebelle. ein echter mensch mit herz. nein, ein braver bürger, der sich an die vorschriften hält, die ihm gemacht wurden. das ist bewundernswert. das ist vorbildhaft. bitte nachahmen.
ich fluche noch in die menschenmenge, die diese ganze show miterleben durfte.
ich werde wahrscheinlich verurteilt und diese alten haben keine ahnung, was passiert ist, aber wenn man brav sein soll und drangenommen werden will, sollte man sich auch am besten auf die seite der bürokraten stellen.
und mein therapeut sagt zu mir: "sie sind da zu naiv. ärzte sind doch auch nur menschen."
menschen?????? menschen???????
ich bitte sie! bin ich zu naiv, wenn ich ein bisschen mitgefühl und sensibilität von "menschen" erwarte???
ich bin, verfluchte scheisse, nicht "frau myschkin". ich bin ich.
aber sie. sie sind andere.

















