jonathan safran foer
an mein ungeborenes kind: ich war nicht immer stumm, ich konnte reden und reden und reden und reden, ich konnte nicht den mund halten, das schweigen überkam mich wie krebs, es passierte bei einer meiner ersten mahlzeiten in amerika, ich wollte dem kellner sagen: "die art, wie sie mir das messer gereicht haben, erinnert mich an...", aber ich konnte den satz nicht beenden, ihr name kam mir nicht über die lippen, ich versuchte es wieder, ihr name kam nicht, sie war in mir verschlossen, wie seltsam, dachte ich, wie frustrierend, wie lächerlich, wie traurig, ich zog einen stift aus der tasche und schrieb "anna" auf meine serviette, zwei tage später passierte mir das gleiche und tags darauf noch einmal, sie war das einzige, worüber ich reden wollte, es passierte mir immer wieder, wenn ich keinen stift dabeihatte, schrieb ich "anna" in die luft - rückwärts von rechts nach links -, damit mein gesprächspartner sah, was ich selbst nicht sagen konnte, und wenn ich telefonierte, wählte ich die nummern - 2, 6, 6, 2 -, damit mein gesprächspartner hörte, was ich selbst nicht sagen konnte. als nächstes ging mir das wort "und" verloren, vielleicht, weil mich dieses wort mit ihr verband, was für ein einfaches wort, so leicht auszusprechen, was für ein schwer wiegender verlust, ich musste "plus" sagen, das klang absurd, aber es war nicht zu ändern, "ich hätte gern einen kaffee plus etwas süßes", wer möchte schon so sein. "wollen" war ebenfalls ein wort, das mir früh verloren ging, was nicht hieß, dass ich plötzlich nichts mehr gewollt hätte - ich wollte im gegenteil umso mehr -, ich konnte meine wünsche einfach nicht mehr in ein wort kleiden, also sagte ich stattdessen "begehre", "ich begehre zwei brötchen", sagte ich zum bäcker, was natürlich nicht ganz passte, der sinn meiner gedanken entglitt mir wie blätter, die von einem baum in einen fluss fallen und davonschwimmen, der baum war ich, der fluss war die welt...aus: jonathan safran foer extrem laut und unglaublich nah

















